Mohnfeld

ANGELA DOPFER-WERNER

 

Alias Tigra

(Auszug)

Ein Bühnenstück für Jugendliche und Erwachsene

in drei Akten

 

Nach einer Idee von Ernst Dopfer

 

(Alle Rechte vorbehalten)

(All rights reserved)

 

 

Personen

 

 

Lisann   Schülerin

 

Gregor   Schüler, Lisann´s Freund

 

Die Freunde der Beiden: Philipp

 

                                       Bernd

 

                                       Thomas                           alle Schüler

 

                                       Nadine

 

                                       Franziska

 

Die Stimme von Lisann´s Mutter Erster Akt

 

Lisann´ s Reich – ein ausgebauter Dachboden als Wohnraum mit Toilette und Dusche, schräge Wände, Holzbalken, Schreibtisch mit Blick zum Giebelfenster, Sofaecke, viele Bücher gestapelt, Bilder, eine Hängematte, Musikanlage etc.

 

Erste Szene

Lisann sitzt am Schreibtisch vor ihrem Notebook (mit dem Rücken zum Publikum). Hinter dem Tisch eine große Projektionsfläche, auf der (nur) die Zuschauer sehen können, was auf ihrem Bildschirm erscheint. Sie surft auf einer esoterischen Seite (Themen wie Engel, weiße Magie, Leben nach dem Tod). Leise, ätherische Musik.

Unten klingelt es, Stimmen sind zu hören.

 

 

Lisann´ s Mutter

(ruft herauf)

Lisann! Lisaaann! Gregor ist da!

Lisann

(steht auf, macht die Musik aus, öffnet die Tür, ruft hinunter)

Soll raufkommen!

(wieder Stimmen, dann kommen schwere Schritte die Treppe herauf, ein Poltern)

Gregor

(hievt einen großen, verschnürten Gegenstand durch die Tür)

Na du!

Lisann

Na du!

(sie küssen sich)

Hast du wirklich einen aufgetrieben? Das ist toll, Gregor!

Gregor

(beginnt die Verpackung zu lösen)

Das war nicht leicht! Ich hab´ gewusst, dass bei meiner Tante in der Diele so einer steht, aber mit welchem Grund sollte ich mir einen dreibeinigen Tisch ausleihen, und nur für einen Abend? Ich hab´ meine Tante schon seit einem halben Jahr nicht mehr besucht, und jetzt steh´ ich plötzlich bei ihr auf der Matte und will ihren Dielentisch!

Lisann

(hilft beim Auspacken)

Und? Was für ein Märchen hast du dir ausgedacht?

Gregor

Dich hab´ ich natürlich ins Spiel gebracht! Sie ist doch so neugierig auf meine Freundin, die Tante Monika.

Lisann

Was soll das denn heißen?

Gregor

Ich hab´ ihr erzählt, dass du dir genau so einen Tisch für dein neues Zimmer wünscht, aber nicht sicher bist, ob er passt. Also leih´ ich mir den Tisch für einen Abend aus, und wir testen die Wirkung gleich an Ort und Stelle, bevor du einen Fehlkauf machst. Freilich hab´ ich Tante Monika versprechen müssen, dass wir beide das Tischchen gemeinsam zurückbringen und sie dich dann endlich kennen lernt.

Lisann

(gequält)

Oh nein!

Gregor

Oh doch! Du wolltest unbedingt einen dreibeinigen Tisch für unseren Versuch, vergiss´ das nicht! Ich finde, dass es auch auf dem Fußboden gegangen wäre, mit einem Pendel vielleicht.

(stellt den fertig ausgepackten Tisch in die Mitte des Zimmers)

Und, was sagst du? Ist er richtig?

Lisann

(geht langsam um das Tischchen herum)

Perfekt! Danke dir!

(gibt Gregor einen Kuss)

Aber unser Versuch heute geht nur mit einem Tisch, nicht auf dem Fußboden. Die griechischen Philosophen haben meistens mit einem Dreifuß gearbeitet, einem aus Lorbeerholz.

Gregor

Aus Lorbeerholz ist der Tisch garantiert nicht! Woher weißt du denn so was?

Lisann

Fanny Moser, das große Buch des Okkultismus.

Gregor

(legt den Arm um Lisann, spöttisch)

Das große Buch des Okkultismus! Mädchen, Mädchen! Findest du nicht, dass du langsam ein wenig übertreibst mit deiner Esoterik?

Lisann

(schiebt Gregor´ s Arm weg)

Das tu ich nicht! Ich interessiere mich einfach für Sachen, die in der Schule nicht unterrichtet werden. Weder in Physik noch in Biologie oder Ethik erfahren wir etwas über die wirklich wichtigen Dinge, das musst du doch zugeben! Wo bitteschön wird denn über das Unterbewusstsein geredet, über Träume, über Zufälle und Vorahnungen? Oder nimm das Leben nach dem Tod! Höchstens in Religion kommt das mal zur Sprache, und dann sollst du einfach an die Version von Himmel und Hölle glauben, die sie dir vorsetzen, und fertig. Ich will aber mehr wissen!

Gregor

Ist ja gut, reg´ dich nicht gleich auf. Mich machen diese Themen genauso neugierig wie dich, und den anderen geht es auch so. Sonst würden wir uns ja heute nicht bei dir treffen.

Lisann

Wo bleiben die eigentlich? Die müssten doch längst da sein, es ist schon nach sechs!

Gregor

Ich hab´ sie unten gesehen, die kommen sicher gleich herauf. TomTom übt sich noch im Einparken. Echt verrückt mit dem Kerl, ich bin neugierig, wann der endlich Autofahren lernt!

(geht zum Schreibtisch) 

Lisann

Sag´ nichts, sonst ärgert er sich wieder.

Gregor

Nein, keine Silbe. Obwohl es ja nur Spaß ist.

Lisann

Für TomTom ist das bestimmt kein Spaß, Gregor. Die ständigen Sticheleien von Philipp und dir nerven ihn gewaltig. Und heute will ich keinen Streit, das würde unsere Sitzung stören.

Gregor

Nein, versprochen. Heute nur Frieden und Harmonie!

(schaut auf Lisann´s Bildschirm)

Und schon wieder die Engel!

Lisann

(wütend, schiebt Gregor zur Seite, schließt das Programm, der Bildschirmschoner erscheint, ein sommerliches Bild von Lisann und Gregor, sie trägt roten Mohn in den Haaren.)

Du kannst so blöd sein!

Gregor

(zieht Lisann an sich, obwohl sie sich wehrt)

Komm, sei nicht sauer. Schau doch, was für ein schönes Paar wir beide sind!

(flüstert in Lisann´ s Ohr)

Ich denk´ gern an diesen Sommer.

Lisann

(hört auf, sich zu sträuben, legt den Kopf an seine Schulter, beide schauen auf den Bildschirm)

Ich auch. 

Gregor

Mit den Engeln, das hab´ ich nicht böse gemeint. Vielleicht komme ich heut Nacht noch zum Chat, dann treffen wir uns im Engelhaus. Und niemand außer mir weiß, wer Tigra ist!

(küsst Lisann hinters Ohr)

Das find ´ich echt geil!

Lisann

Schsch, nicht so laut! Du weißt, dass Nadine oft dort ist, manchmal hab´ ich das komische Gefühl, dass sie mein Pseudonym schon ahnt.

Gregor

Und wenn schon!

Lisann

Irgendwie wäre mir das unangenehm. Wir sind zwar Freundinnen, aber alles braucht sie von mir auch nicht zu wissen. Und wie ernst es ihr mit spirituellen Dingen ist, da bin ich mir nicht wirklich sicher, manchmal habe ich das Gefühl, dass sie nur mitmacht, weil es gerade in ist.

(seufzt)

Aber mir ist das Engelhaus wichtig. Da kann ich so offen und frei reden, wie ich es eigentlich nur mit dir tue, einfach über alles! Und niemand lacht über meine Gedanken oder stellt meine Ahnungen in Frage.

Gregor

(dreht Lisann zu sich)

Was du alles denkst! Wer sollte denn über deine Gedanken lachen? Und deine Ahnungen, deine Gefühle, dafür liebe ich dich gerade! Niemand ist so aufrichtig wie du, Lisann, und wenn du etwas fühlst, dann weiß ich, dass da was dran ist, dass du mich nicht verarscht, mir nichts vorspielst, um dich wichtig zu machen. Vom ersten Tag an habe ich dir jedes Wort geglaubt, und ich hab´ dich immer ernst genommen.

Lisann

Ich weiß, Gregor.

(flüstert)

Ich liebe dich.

(sie umarmen sich länger. Lisann sucht nach Worten.)

Gregor, wenn mir etwas passiert, wenn ich vor dir sterbe…

Gregor

Was redest du denn da für Blödsinn?

Lisann

Nein, hör´ mir zu! Ich muss so oft darüber nachdenken. Keiner von uns weiß, was morgen ist! Jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick kann unser Leben vorüber sein, jedenfalls unser irdisches Leben. Ein Unfall, ein Flugzeugabsturz, eine Lawine beim Skilaufen, nur weil wir beide noch jung sind, deshalb sind wir noch lange nicht sicher. Und Krebs trifft auch junge Leute. Dann bleibt einer von uns allein zurück, und wir können uns nicht mehr umarmen und küssen und nicht mehr miteinander reden.  

Gregor

Lisann, bitte! Hör´ auf mit dem Scheiß.

Lisann

Nein, Gregor, warte! Ich will kein Unglück herbeireden, ich will doch nur alles bedenken! Und ich will dir einen Vorschlag machen.

(sie atmet tief durch)

Wenn einer von uns beiden stirbt, dann wünsche ich mir, dass wir uns irgendwie wieder sehen, dass wir miteinander kommunizieren, auf welcher Ebene auch immer. Wenn wir uns hier, im jetzigen Leben, zu einem geistigen Treffen außerhalb der bekannten Dimensionen verabreden, dann kann das gelingen! Verstorbene Seelen melden sich doch auch aus dem Jenseits, wenn sie gerufen werden, ich hab´ schon soviel darüber gelesen! Genau das wollen wir doch heute Abend mit dem dreibeinigen Tisch versuchen. Und, hör´ zu, wenn sich fremde Verstorbene bei den Menschen melden, die sie rufen, dann muss es doch zwischen Menschen, die sich lieben, noch viel leichter gehen! Verstehst du mich? Ich will nur einen Treffpunkt, ein Zeichen, eine Geste mit dir vereinbaren, falls einer von uns stirbt. Weil ich dich liebe. Weil ich ohne dich nicht sein kann.

Gregor

Manchmal hast du ziemlich seltsame Gedanken, Lisann.

Lisann

Was ist daran seltsam, wenn ich nicht von dir lassen will, weder hier noch drüben? Denn ein Drüben, das gibt es, das weiß ich, das spüre ich!

Gregor

(zögert)

Ich weiß nicht so recht. Deine Zuversicht, deine Begeisterung, die faszinieren mich. Ehrlich. Aber – Klappe zu, Affe tot. Das ist es, woran ich glaube!

Lisann

Das macht nichts, Gregor, echt nicht. Das spielt keine Rolle, ob du was glaubst oder nicht. Du musst meine Ansichten nicht teilen, du brauchst nichts glauben, nichts vertreten, von dem du nicht vollkommen überzeugt bist. Du sollst nur, mein Gott, das ist doch ganz simpel, du sollst nur ein Treffen mit mir vereinbaren. Oder offen für eine geistige Begegnung mit mir sein! Wenn einer von uns beiden gestorben ist.

Gregor

Hör auf, Lisann! Das ist mir zu makaber.

Lisann

Bitte! Sag´ einfach ja! Und dann kannst du dieses Gespräch für den Rest deines Lebens vergessen.

Gregor

Also ehrlich,….

Lisann

Bitte! Gregor!

Gregor

Oh Mann! Wenn du dir was in deinen süßen Kopf setzt!

(streicht Lisann über die Haare)

Ganz schön hartnäckig bist du. Also gut, ausgemacht, wir vereinbaren ein Treffen. Und wo?

Lisann

(strahlt)

Im Engelhaus natürlich! Und wenn das nicht klappt, dann geben wir uns irgendeinen Hinweis, ein Zeichen, etwas, von dem nur wir beide wissen können.

Gregor

Nur wir beide.

(überlegt, schaut dabei auf den Bildschirm)

Ich weiß, Lisann!

(zeigt auf das Bild)

Roter Mohn! Oder hast du Nadine und Franzi davon erzählt?

Lisann

(verlegen)

Nein, natürlich nicht! Das geht doch nur uns beide an.

(schmiegt sich an Gregor, flüstert)

Das würde ich nie jemand erzählen, auch nicht meiner allerbesten Freundin. Diese Erinnerung gehört nur uns.

(die beiden umarmen sich, unten klingelt es)

Sie kommen! Also, ausgemacht.

(sehr leise)

Ich hab´ dich lieb, Gregor.

Zweite Szene

Wieder Stimmen, Schritte poltern die Treppe herauf. Franziska, Nadine und Philipp kommen herein.

 

 

Franziska

Hey, Leute, da sind wir! Haben wir euch Turteltäubchen genug Zeit gelassen für eine zärtliche Begrüßung?

(umarmt Lisann, küsst sie auf die Wangen)

Nein? Du verrücktes, liebestolles Ding! Aber TomTom noch länger beim Einparken zuschauen zu müssen, das kann die beste Freundin nicht von uns verlangen, nicht wahr, Philipp! Grausam, sag´ ich euch, einfach grausam! Der stellt sich an wie der erste Mensch!

Philipp

Wie der jemals den Schein geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Hallo, Lisann!

Nadine

(umarmt Lisann)

Bernd ist noch unten geblieben und weist ihn ein. Wir dachten, wir helfen euch inzwischen beim Herrichten, ich hab´ grünen Tee mitgebracht. Wo sind Tassen?  

Gregor

Ein Joint wär´ mir lieber.

Franziska

(kichert)

Keine schlechte Idee! Du hast doch sicher was zum Rauchen, Philipp, oder?

Da würde uns die Sache leichter fallen, mir ist nämlich schon ganz schlecht vor lauter Aufregung. Schon auf der Herfahrt hab´ ich so ein flaues Gefühl im Magen gehabt, nicht nur wegen TomTom´ s Fahrstil, obwohl der einen ja wirklich umbringen kann. Fahr´ doch langsamer, hab´ ich ihm ständig gesagt, und dann er, dann fahr´ doch du, wenn du es besser kannst, und dabei weiß er genau, dass ich noch keinen Führerschein habe, weil ich mir das Geld selber verdienen muss und nicht eine Oma hab´ wie er, die ihm die Knete nachträgt! Stimmt doch, oder?

Lisann

Aufgeregt sind wir alle, Franzi. Aber mit einem Joint würde es sicher nicht besser werden, ich jedenfalls will einen klaren Kopf behalten.

Franziska

Durch den Rauch würden vielleicht auch die Geister leichter rüberkommen, huhuhu, wer weiß, schließlich öffnet das Kiffen die Wahrnehmung und die Sinne, das wisst ihr doch auch, man wird einfach lockerer, man verliert seine Hemmungen ein bisschen, das ist doch ganz schön! Und das könnte heute Abend sehr nützlich sein für uns alle, schaut doch Philipp an, was der jetzt schon für ein verkniffenes Gesicht macht. 

Nadine

Komm, Franzi, hör´ auf.

Philipp

Blöde Kuh!

Franziska

Ist ja schon gut, war nur ein Witz. Nicht wirklich ernst gemeint. Aber du bist ziemlich hippelig, Philipp, gib´ s zu!

Gregor

Wir sind alle nervös, schließlich machen wir so eine spirituelle Sitzung zum ersten Mal. Und jetzt helft mal mit den Stühlen! Sieben sind wir, dann brauchen wir noch zwei, ich geh´ runter und hol´ welche.

(geht ab, Franziska, Lisann und Philipp stellen Stühle um den Tisch in der Mitte, Nadine klappert mit den Tassen) 

Lisann

Sieben! Das ist gut, eine ungerade Zahl, eine besondere Zahl.

Franziska

Meinst du, dass das eine Rolle spielt? Das glaub´ ich nicht. Ich hab´ neulich mit Dani geredet, die haben auch schon so eine Sitzung gemacht, Seance sagen sie ganz vornehm dazu, und Dani sagt, sie waren vier, und es hat wunderbar geklappt! 

Nadine

Du hast doch nicht Dani von unserem Versuch erzählt?

Philipp

Worauf du wetten kannst! Franzi kann ihren Schnabel einfach nicht halten! Gagagaga!

(imitiert mit den Armen ein Huhn)

Lisann

Das ist nicht wahr, Franzi, oder?

Franziska

(verlegen)

Tja, nicht wirklich erzählt, weißt du, mehr so angedeutet, mehr so allgemein. Eigentlich hab´ ich Dani nur zugehört, ich wollte nur etwas über ihre Sitzung erfahren. Und, stellt euch vor, bei denen hat es auf Anhieb funktioniert! Dani hat gesagt, das es ganz einfach war, sie haben nur alles verdunkelt und die Hände auf den Tisch gelegt und sich konzentriert, ihr wisst schon, auf die Person, mit der man sprechen will, mit der man in Kontakt treten will, auf die muss man sich konzentrieren, sagt Dani, und dann lief alles wie am Schnürchen, und ich hab´ gesagt, ja, was ist denn eigentlich passiert, und Dani hat gesagt, dass der Tisch plötzlich gewackelt hat und sie alle fürchterlich erschrocken sind. Natürlich war es bei denen stockdunkel und so, ich hab´ gesagt, klar, dass ihr euch da erschrocken habt, aber Dani hat gesagt, das war es nicht, die Dunkelheit, es war was anderes, echt unheimlich, als wenn noch jemand im Zimmer ist und ich hab´ gesagt, wenn das so ist, dann krieg´ ich vielleicht doch Angst, wenn ich mal so was mitmache. Mehr hab´ ich nicht gesagt, Lisann, ehrlich, du kannst Dani fragen!

(es klingelt wieder unten, Stimmen)

Philipp

Halleluja, die Rettung naht! Wenn Bernd da ist, hält Franzi den Mund.

Franziska

(boxt Philipp in die Seite)

Blödmann!

Lisann´s Mutter

(ruft herauf)

Lisann! Lisaaann! Bernd und Thomas sind da! Und mach´ die Tür bitte selbst auf, falls du noch mehr Freunde erwartest!

Lisann

(ruft hinunter)

Ja, Mama! Danke!

(Bernd, Thomas und Gregor kommen mit zwei Stühlen ins Zimmer)

Thomas

Hey, Leute! Alles bereit?

Philipp

Wir sind schon lange fertig, wir haben nur gewartet, bis du endlich deinen Karren perfekt geparkt hast, TomTom!

Thomas

(klopft Philipp auf die Schulter)

Nur kein Neid, Alter! Ich hab´ alles im Griff, schließlich ist mein Wagen neu, da will ich mir keine Schramme holen.

Bernd

Das macht doch Sinn, oder? TomTom handelt wie immer sehr gewissenhaft und verantwortungsvoll. Besonders beim Einparken. 

(grinst)

Da kann´ s dann eben etwas länger dauern. Wo genau muss dieser Stuhl hin, Lisann?

Lisann

Hier. Danke, Bernd.

(geht um den Tisch, schiebt die Stühle zurecht)

Lasst uns endlich anfangen, setzt euch hin. Zuallererst brauchen wir Ruhe. Ruhe und innere Sammlung. Stille. Hilfst du mir mit den Kerzen, Gregor?

(Lisann und Gregor stellen im ganzen Raum Kerzen auf, zünden sie an, Nadine teilt Tee aus, die anderen setzen sich zögernd. Franziska setzt sich neben Bernd.)

Philipp

Und jetzt, wann geht´ s los?

Lisann

(schaltet das Deckenlicht aus, setzt sich als Letzte)

Schsch, hab´ Geduld, Philipp. Lasst uns erst einmal einfach nur still sein.

(Im Raum brennt nur noch Kerzenlicht, alle trinken Tee, Schweigen.)

Philipp

(scharrt mit den Füßen)

Wollen wir nicht endlich anfangen?

Nadine

Mein Gott, bist du ungeduldig!

Gregor

Lisann entscheidet, wann es losgeht.

Lisann

Gut.

(atmet tief durch)

Zuerst müssen wir uns darüber klar werden, wen oder was wir eigentlich sprechen wollen. Rufen wir irgendeinen Geist an, der zufällig in der Nähe ist und uns hört? Oder versuchen wir in Kontakt zu treten mit jemand Bestimmtem, zum Beispiel einem Verstorbenen, den wir alle gekannt haben.

Franziska

Ich kenn´ eigentlich gar niemand, der gestorben ist. Doch, halt, meinen Opa, aber der war aus Berlin, den kennt ihr sicher nicht. Den hab´ ich selber nur einmal gesehen, aber da war er schon im Pflegeheim und ganz tatterig und fast schon hinüber. Ich wüsste gar nicht, was ich den fragen soll! Aber wir können ihn gerne nehmen, ich hab´ nichts dagegen.

Nadine

Franzi, bitte!

Philipp

Wir sind wohl nicht hier, um mit Franzi´ s Berliner Opa zu plaudern! Das darf doch nicht wahr sein!

Gregor

Ruhe jetzt! Lisann, ist es denn notwendig, dass wir alle den verstorbenen Geist gekannt haben? Oder geht es auch anders?

Lisann

Es geht auch anders. Wir könnten eine berühmte Persönlichkeit rufen, zum Beispiel jemand, dessen Leben und Werk uns sehr beeindruckt hat, oder jemand, dessen Philosophie uns fasziniert. So wie Gandhi oder Martin Luther King. Oder einen Politiker wie John F. Kennedy oder Willy Brandt. Und natürlich Musiker, Mozart oder Beethoven oder Elvis Presley! Ob solche berühmten Leute aber ausgerechnet mit uns kommunizieren wollen, ist natürlich fraglich.

Thomas

Musiker, das find´ ich stark! Da bin ich voll dafür, das sollten wir versuchen.

Nadine

Gehen auch Schriftsteller? Ich würde Hermann Hesse vorschlagen, oder Silvia Plath. Oder Ingeborg Bachmann.

Philipp

Hört, hört, die gebildeten Frauen! Silvia Plath, das ich nicht lache. Wer soll denn das sein? Eine von deinen vertrockneten Feministinnen, Nadine?

Nadine

Du hast echt keine Ahnung, Philipp! Dann halt doch lieber den Mund! Silvia Plath war eine Schriftstellerin, eine Dichterin. Sie hat sich umgebracht, da war sie noch sehr jung.

(sammelt die Tassen ein, stapelt sie auf dem Boden, setzt sich wieder hin)

Lisann

Das finde ich gar nicht schlecht, jemand zu nehmen, der Selbstmord begangen hat. Da steckt eine gewisse Unruhe, eine Verwirrung des Geistes dahinter, so jemand wird bereitwilliger mit uns in Kontakt treten.

Gregor

Das stimmt vielleicht. Aber einen Musiker finde ich besser, Musik ist doch eher etwas, das uns alle interessiert. Besser als Dichter und Philosophen oder so. Wie wäre es mit Jim Morrison? Wir waren doch bei der Abifahrt im September alle zusammen an seinem Grab!

Franziska

Paris! Der Friedhof Pere Lachaise! Ach!

(seufzt sehnsüchtig)

Das ist eine tolle Idee, Gregor! Wisst ihr noch, wie viel Blumen und Kerzen und CDs auf dem Grab lagen? Und Briefe und Gedichte und anderes Zeug! Und die vielen Besucher, junge Leute aus der ganzen Welt, friedlich vereint am Grab von Jim Morrison. Ich hab´ geweint, und du auch, Nadine, das weiß ich noch. Eine Superidee ist das!

Thomas

Aber schon ganz schön ausgelutscht. Was meinst du, bei wie vielen spirituellen Sitzungen so einer gerufen wird, der kommt doch gar nicht mehr nach. Nein, ich bin für Robert Plant. Die Musik von Led Zeppelin gefällt mir eh besser.

Philipp

(seufzt übertrieben)

Der lebt doch noch, Idiot!

Thomas

Ehrlich? Ich dachte, weil die Band schon so alt ist? Aber egal, für Rockmusik bin ich auch! Da wird´ s doch noch ein paar Tote geben.

Gregor

Also einen Rocksänger. Oder eine Sängerin. Sag´ jetzt nicht Janis Joplin, Nadine, da bin ich dagegen! Lasst uns einfach mal nachdenken.

(kurzes Schweigen)

Bernd

Okay. Ich weiß jemand, dessen Musik wir alle mögen – er ist tot, er war jung und erfolgreich, er hatte eine schöne Frau und ein kleines Kind, und keiner weiß, warum er sich eigentlich umgebracht hat. Und der Name seiner Band passt perfekt zu einer Seance – na?

(schaut in die Runde)

Kurt Cobain von Nirvana!

Franziska

Genial!

Thomas

Der hat sich doch mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen, oder? Echt krass! Vielleicht finden gerade wir heraus, warum er das getan hat! Das ist doch exakt die Frage, die wir heute stellen können!

Philipp

Genau, TomTom! Also, ich bin hundertprozentig dafür!

Lisann

Mir gefällt dein Vorschlag, Bernd. Nadine und Gregor? Seid ihr auch einverstanden? Gut, dann können wir jetzt wirklich anfangen!

(richtet sich auf, rückt nah an den Tisch)

Legt alle die Hände flach auf den Tisch, so dass sich eure Finger berühren. Versucht euch zu sammeln, die Kraft all eurer Sinne in der Mitte des Körpers zu konzentrieren. Spürt eure Stärke. Macht den Kopf leer, und atmet tief und lange aus. Schließt die Augen.

(alle machen es Lisann nach. Längeres Schweigen, man hört nur den Atem)

Franziska

(flüstert)

Ich glaub´, mir wird schlecht!

Lisann

Schsch. Wir atmen tief und entspannt. Unser Kopf ist vollkommen leer, wir denken nichts.

(wieder längeres Schweigen)

Wenn ihr fühlt, dass es an der Zeit ist, wenn ihr bereit seid, dann gebt eurem Nachbarn zur Linken ein Zeichen, drückt kurz seine Finger.

Philipp

Aua! Kurz hat sie gesagt, TomTom, nicht kräftig!

Lisann

(leise)

Nicht sprechen! Wir schweigen und warten, bis das Zeichen uns erreicht.

(Stille)

Gut. Richtet eure Gedanken jetzt auf Kurt Cobain, den Sänger der Band Nirvana. Versucht, seine Gestalt, sein Gesicht zu visualisieren, so wie ihr ihn von Fotos und Videos kennt. Versucht, seine Stimme zu hören, seine Musik in euch erklingen zu lassen.

Thomas

Was meinst du mit visualisieren?

Nadine

(flüstert)

Du sollst ihn dir vorstellen, vor deinem inneren Auge!

Thomas

Ach so!

Lisann

(wartet etwas, erhebt dann die Stimme)

Kurt Cobain! Wir rufen deinen Geist in Frieden und mit lauterer Absicht.

(wartet wieder etwas)

Geist von Kurt Cobain, wir alle hier lieben deine Musik. Und wir sind tief betroffen von deinem Tod.

(wartet)

Wir wünschen uns, mit dir zu kommunizieren, auch wenn du jetzt in einer anderen, weit von uns entfernten Sphäre weilst. Wir möchten dir eine Frage stellen. Wenn du uns vernimmst und bereit bist, mit uns zu reden, dann gib uns ein Zeichen!

(wartet)

Geist von Kurt Cobain! Klopfe, wenn du mich hören kannst.

(wartet)

Philipp

(leise)

Der mag anscheinend nicht.

Lisann

(eindringlich)

Geist von Kurt Cobain. Wir möchten mit dir sprechen. Wir warten auf dein Zeichen.

(Stille. Warten)

Wir beschwören dich, Geist, melde dich. Gib uns ein Zeichen!

(wartet lange, atmet tief)

Geist von Kurt Cobain! Sieben Menschen sitzen hier um den Tisch und bitten dich eindringlich, melde dich bei uns! Gib uns irdischen Seelen ein Zeichen.

(wieder Warten, plötzlich ruckelt der Tisch, Franziska kreischt, springt auf und schmeißt dabei die gestapelten Teetassen um)

Philipp

Was soll das denn? Dreht sie jetzt völlig ab?

Bernd

(steht auf, schmeißt sich lässig in die Hängematte)

Ein Kindergarten ist das hier!

Nadine

(steht auf, nimmt die weinende Franziska in den Arm)

Sie hat sich erschrocken, da musst du nicht gleich von Kindergarten reden, Bernd!

Franziska

(schluchzt)

Das ist mir einfach zu viel! Ich halt´ das nicht aus, diese Spannung! Ich will nicht mit Toten reden. Und schlecht ist mir auch. Und dann hat auch noch der Tisch gewackelt!

Bernd

Mein Gott, das waren TomTom oder Philipp, hast du das nicht gemerkt? Die immer mit ihren blöden Scherzen! Wirklich, wie im Kindergarten.

Thomas

Ich hab´ gar nichts gemacht.

Bernd

Dann war´ s halt Philipp. Der Geist von Kurt Cobain war es jedenfalls nicht!

Gregor

(setzt sich neben Bernd auf den Boden)

Ziemlich enttäuschend, so eine Sitzung mit euch!

Lisann

Man braucht einfach viel, viel Geduld. Und die hat nicht jeder.

Franziska

(schluchzt immer noch)

Es tut mir wahnsinnig leid, Lisann. Ich wollte mitmachen, ehrlich! Aber ich hab´ nicht gewusst, dass das so unheimlich ist, mit dem Rufen und so, das ist echt zuviel für mich!

Philipp

(leise)

Wenn eine auch so hysterisch ist!

Lisann

(steht auf, löscht die Kerzen, macht das Licht an)

Das war´ s wohl! Nicht der richtige Zeitpunkt, nicht die richtigen Leute.

(schaut dabei Philipp an)

Sonst hätte es klappen können. Denn Kurt Cobain, das war ein richtig guter Vorschlag!

Gregor

Das finde ich auch, Bernd. Wir könnten es doch noch einmal versuchen, Lisann!

Lisann

Aber nicht heute Abend.

Nadine

Franzi ist viel zu nervös, sie zittert immer noch.

Philipp

Die würde ja komplett durchdrehen, wenn sich wirklich ein Geist meldet! So labil, wie die ist.

Thomas

Das war aber auch ein schlechter Witz, Philipp.

Philipp

Hey! Was wollt ihr! Da können ganz wilde Sachen passieren, bei so einer spiritistischen Sitzung, das weiß man doch! Und wenn sie nicht mal ein bisschen Spaß verträgt! Das zeigt doch nur, dass Franzi für sowas überhaupt nicht geeignet ist.

Bernd

(trocken)

Aber du schon, Philipp, oder? Komm, spiel hier nicht den Coolen, du machst dir doch selbst in die Hosen vor lauter Angst! Bist wahrscheinlich heilfroh, dass dieser Abend gegessen ist.

Philipp

Was soll das denn heißen? Willst du mich jetzt anmachen, oder was?

Gregor

(steht auf)

Schluss jetzt! Lisann hat Recht – nicht der richtige Zeitpunkt, nicht die richtigen Leute. Diese Sitzung können wir echt abschreiben.

Nadine

Schon schade. Wenn du es irgendwann noch einmal versuchen willst, Lisann, ich bin dabei.

Bernd

(steht auf)

Ich auch. Aber für heute Abend hab´ ich genug. Wie steht´ s, TomTom, Nadine, schauen wir noch im Pub vorbei? Auf ein Bier.

Thomas

Okay. Was ist mit den Anderen?

Lisann

Nein, heute nicht mehr.

Franziska

Ich hab´ auch keine Lust, ich will nach Hause.

Gregor

Gut, dann soll Philipp dich heimfahren, das ist das Mindeste. Du kannst meinen Wagen nehmen, Philipp, hier sind die Schlüssel. Fang´!

(wirft Philipp die Autoschlüssel zu)

Aber schön sachte, mein Freund! Ich bleib´ noch kurz bei Lisann, ich leih mir dann ihr Fahrrad aus und komm nach. Auf ein Bier.

Bernd

Alles klar, Leute! Mach´ s gut, Lisann, bis morgen.

(geht zur Tür und hält sie auf)

Nadine

(umarmt Lisann)

Bis morgen in der Schule. Und – einmal ist keinmal, Lisann, wir versuchen es bald wieder!

Franziska

Echt, Lisann, das tut mir leid, wenn das jetzt an mir gescheitert ist.

(fasst Lisann an den Schultern)

Aber ich möchte es gern noch mal probieren, vielleicht kannst du mir ja mal was zum Lesen geben, über Erscheinungen und Geister und so, du hast doch da jede Menge Bücher und Zeug. Weil, jetzt weiß ich ja wie das läuft und dann werd´ ich mich sicher daran gewöhnen. Es war nur der erste Moment, weißt du, weil ich so erschrocken bin, es war ja so still, und unheimlich war es auch ein bisschen, mit den Kerzen und dem Atmen und so, das musst du zugeben. Dani sagt auch, dass man sich sicher daran gewöhnt und dass sie schon ganz cool ist und sich eigentlich gar nicht mehr fürchtet und -

Thomas

Oh Mann!

(zieht Franziska zur Tür)

Jetzt komm endlich!

Franziska

Ja, ich komm ja schon! Also bis morgen, Lisann, und sei mir bitte nicht böse, wir reden dann noch drüber, morgen Nachmittag oder so, ja?

Lisann

Schon gut, Franzi, bis morgen.

Thomas

Also dann, ciao!

(Nadine, Thomas, Franziska, Philipp und Bernd gehen ab, Philipp murmelt einen Gruß)

Dritte Szene

Gregor und Lisann sind allein, Gregor nimmt Lisann in den Arm.

 

 

Gregor

Bist du sehr enttäuscht?

Lisann

Nicht so schlimm. Eigentlich war das ja zu erwarten, Franzi und Philipp sind nicht die Richtigen für so einen Versuch. Die sind einfach ein bisschen zu oberflächlich, zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Gregor

Oberflächlich! Schlicht blöd sind die, richtig kindisch!

Lisann

Ich glaube, dass Franzi überhaupt nur wegen Bernd mitgemacht hat, sie steht auf ihn.

Gregor

Da kann sie lange warten!

Lisann

Meinst du? Bernd kommt immer dann, wenn auch Franzi da ist, vielleicht läuft da doch was.

Gregor

Purer Zufall! Er hält sie für eine dumme Ziege, da bin ich mir sicher. Franzi mit ihrem ewigen Gequatsche!

Lisann

Nadine jedenfalls spürt auch eine gewisse Spannung zwischen den beiden.

Gregor

Ihr Frauen mit eurer Intuition!

Lisann

Ihr Männer mit eurer Sachlichkeit!

Gregor

(küsst Lisann)

Ich bin so froh, dass ich dich habe! Ist es okay für dich, wenn ich noch auf ein Bier geh mit den anderen?

Lisann

Klar. Ich bin müde und will nicht mehr lange aufbleiben.

Gregor

Gut. Dein Fahrrad bringe ich morgen Nachmittag zurück, bis dahin brauchst du es ja nicht.

Lisann

Nein. Fahr vorsichtig und trink nicht zuviel!

Gregor

Du süße Glucke! Ich pass schon auf mich auf! Bis morgen dann, Liebste. Meine Tigra.

Lisann

Bis morgen, Gregor.

(sie küssen sich lange, Gregor geht. Lisann geht zum Fenster, öffnet es, beugt sich hinaus, winkt)

Ciao!

( sie lacht laut, ruft hinunter)

Schau auf die Strasse, du verrückter Kerl!

( plötzlich ein lautes Krachen, Bremsen quietschen, eine Autotür schlägt, aufgeregte Stimmen draußen, Lisann erstarrt für einen Moment)

Gregor!

(Lisann rennt wie verrückt aus dem Zimmer und die Treppe hinunter)

ZWEITER AKT

Lisann´ s Reich

 

Erste Szene

Der Bildschirm ist ausgeschaltet, das Zimmer liegt im Dunkeln. Schritte und leise Stimmen auf der Treppe, Lisann, Bernd, Philipp, Thomas, Nadine und Franziska kommen herein, alle dunkel gekleidet. Bernd schaltet das Licht an.

 

 

Nadine

Nicht so ein grelles Licht, Bernd!

(schaltet die Schreibtischlampe und eine Stehlampe an, löscht das Deckenlicht. Die Mädchen setzen sich aufs Sofa, Lisann in der Mitte, Bernd legt sich halb in die Hängematte, Philipp und Thomas stehen unschlüssig herum. Nadine nimmt Lisann´s Hand und streichelt sie.)

Aber es war doch eine schöne Feier, Lisann. So würdevoll und ernst und doch mit Gefühl. Und die halbe Schule war da, in der Kirche haben viele gar keinen Platz gefunden! 

Thomas

Der Wahnsinn, was da Leute waren! Fast alle Lehrer! Sogar die Geli vom Pub hab´ ich gesehen, und von der Grundschule ein paar, die hab´ ich zuerst gar nicht erkannt.

Franziska

Und die vielen, vielen Blumen!

Bernd

Ein Blödsinn ist das mit den Blumen bei einer Beerdigung, die verwelken ja doch nur. Spenden finde ich viel besser.

Lisann´s Mutter

(ruft herauf)

Lisann? Lisann! Ich hab´ euch Tee gemacht, und Kuchen!

(besorgt)

Lisann? Soll ich ihn heraufbringen?

(Lisann vergräbt den Kopf zwischen den Händen.)

Franziska

Ich geh´ schon, Lisann, bleib einfach sitzen.

(geht aus dem Zimmer)

Nadine

(legt den Arm um Lisann)

Diese vielen Menschen, die Gregor gemocht haben, die seinetwegen gekommen sind, auch wenn sie sonst nie in eine Kirche gehen. Die Kränze und die wunderschönen Blumen und diese feierliche Stimmung, das muss doch ein Trost für dich sein, Lisann.

Thomas

(setzt sich)

Ich finde Spenden auch besser als Blumen. Gregor hätte das sicher auch gesagt.

Nadine

Woher willst du denn das wissen, TomTom?

Thomas

Weil er ein abgefahrener Typ war. Er würde sich amüsieren über diesen ganzen Zinnober bei der Beerdigung!

Bernd

Gregor hätte nur noch den Kopf geschüttelt!

Lisann

Hätte, würde, müsste! Gregor ist tot! Tot!

(Lisann beginnt zu weinen, betretenes Schweigen, Philipp geht zum Fenster und starrt hinaus)

Franziska

(stößt die Tür auf, balanciert ein volles Tablett ins Zimmer)

Deine Mutter hat anscheinend vergessen, dass es vor einer Stunde beim Leichenschmaus Suppe und Schnitzel gab! Zwei Kuchen hat die für uns gebacken!

Lisann

(bitter)

Das ist ihre einzige Angst, dass ich nicht genug essen könnte!

Nadine

Sei nicht ungerecht, Lisann, sie macht sich halt Sorgen um dich! Bei Müttern geht es meist ums Essen, da ist meine nicht anders. Um Essen und genügend Schlaf und um warme Klamotten, da sind alle gleich, sie können ihre Fürsorge nicht besser ausdrücken.

Philipp

(dreht sich um)

Aber du schon, Nadine, oder? Blumen und Kränze und ein Haufen fremder Leute auf dem Friedhof sollen ein Trost sein für Lisann! Dass ich nicht lache.

Nadine

Dann lach´ doch! Immer noch besser, als den ganzen Tag herumstehen und kein Wort sagen, so wie du! Irgendwie müssen wir Lisann doch beistehen!

Philipp

Lisann hat es doch schon gesagt. Gregor ist tot, weiter gibt´ s nichts zu reden.

(Philipp starrt wieder aus dem Fenster, längere Stille)

Bernd

Jedenfalls hat es keinen Sinn, wenn wir hier herumstreiten.

Franziska

Genau. Ich hab´ zwar nicht mitbekommen, um was es eigentlich geht, aber jetzt trinken wir erstmal Tee. Wer will ein Stück Kuchen?

(teilt Teller und Tassen aus, bis auf Lisann und Philipp essen und trinken alle)

Thomas

( mit vollem Mund)

Habt ihr gehört, was der Pfarrer am Grab gesagt hat? Lasst uns beten für denjenigen unter uns, der dem Verstorbenen als Nächster folgen wird, in die himmlische Ewigkeit oder so. Echt krass! Ich hab´ meinen Kopf eingezogen und mich kleiner gemacht, ganz spontan, damit ER mich nicht sieht! Völlig verrückt.

Franziska

Deshalb geht meine Oma auch nach der Trauermesse nie mit auf den Friedhof. Sie geht immer sofort nach Hause, weil sie diesen bescheuerten Spruch nicht hören kann. Wer will schon der Nächste sein!

Thomas

Sagen die denn das bei jeder Beerdigung?

Nadine

Ich glaub´ schon. So oft war ich auch noch nicht, nur bei meinem Uropi und bei einer alten Nachbarin und heute bei Gregor, also erst dreimal. Aber da hat der Pfarrer es jedes Mal gesagt, immer am offenen Grab.

Bernd

Das ist aber nur bei den Katholiken so. Die sind sehr drastisch.

Thomas

Die Juden auch, soviel ich weiß. Die begraben ihre Toten sofort, nicht erst nach Tagen wie wir, und sie legen die Leichen ohne Sarg oder so in die Erde, nur mit einem Tuch. Hab´ ich mal gelesen.

Bernd

Ist ja wohl sinnvoller als der ganze Aufwand, der bei uns getrieben wird. Was das alles kostet! Sarg und Blumen und Kirchenchor und der ganze Firlefanz. Und der Tote hat nichts davon.

Nadine

Das kannst du nicht wissen!

Franziska

Nadine hat Recht, das kannst du nicht wissen. Es gibt Untersuchungen über den Tod und das Sterben, über die Wahrnehmungen dabei, und da berichten Leute, die schon einmal gestorben sind oder jedenfalls knapp davor waren, bei einer Operation oder nach einem Unfall oder etwas ähnlichem. Die sind über dem Bett geschwebt, quasi an der Zimmerdecke, und die haben alles gesehen und gehört, was sich um ihren leblosen Körper herum ereignet hat. Jede kleinste Kleinigkeit!

Bernd

Blödsinn!

Franziska

Doch, das stimmt! Die Sterbeforscher haben das wissenschaftlich untersucht und bewiesen. Lauter Ärzte und Psychologen sind das.

Bernd

Und einer, der schon eine Woche tot ist, kann seine eigene Beerdigung von oben sehen und berichtet dann darüber, wenn er wieder auferstanden ist? So ein Quatsch, Franzi! Merkst du nicht, was für einen Unsinn du da schwafelst?

Franziska

(etwas beleidigt)

Entschuldige bitte, ich wollte dir nur erklären, was Nadine meint.

(leise)

Eigentlich will ich heute gar nichts sagen.

Nadine

Ihr redet von zweierlei Dingen. Das Eine sind die Erfahrungen von Menschen, die für eine relativ kurze Zeit klinisch tot waren und davon nachher berichten können, weil sie praktisch gerettet und ins Leben zurückgeholt wurden. Da gibt es interessante Bücher, von Elisabeth Kübler-Ross und Jacoby, da hab´ ich schon einiges gelesen. Allerdings versuchen viele Wissenschaftler, diese Erfahrungen mit bestimmten chemischen Prozessen zu erklären, die in so einem Ausnahmezustand im menschlichen Gehirn ablaufen sollen.  

Thomas

(verdreht die Augen)

Hilfe! Superfrau spricht! Bitte keinen Vortrag, Nadine! 

Nadine

(beachtet Thomas nicht)

Und das Andere ist, mein Gott, wie soll ich das erklären, das ist nicht so einfach! Nicht nur religiöse Menschen denken so, nein, auch Menschen die sich ihrer Spiritualität bewusst sind, die ein tiefes und uraltes Wissen haben und in Kontakt mit Engeln oder Schutzgeistern stehen. Diese so genannten Medien berichten über den Weg nach dem Tod, den jeder Mensch gehen muss, ein Weg, der angeblich durch einen mit weißem Licht erfüllten Tunnel führt und auf dem wir unsere ganze Vergangenheit noch mal durchleben, mit den winzigsten Einzelheiten. Dort begegnen wir dann auch allen Lebewesen, die wir in unserem irdischen Leben jemals getroffen haben, und das alles passiert sozusagen in Lichtgeschwindigkeit!

(trinkt einen Schluck Tee)

Schau nicht so misstrauisch, Bernd! Geh´ mal zum Chat ins Engelhaus, da findest du jede Menge Berichte darüber! Ich bin mir jedenfalls sicher: Gregor ist nicht tot, er ist nur in einer anderen Welt.

Bernd

Deinen Glauben möchte ich haben!

Nadine

Das ist nicht nur mein Glaube! Franziska denkt genauso, und viele andere auch, die sich mit übersinnlichen Dingen beschäftigen. Frag´ Lisann, die weiß am meisten darüber. Du glaubst doch auch, dass Gregor jetzt nur in einer anderen Wirklichkeit ist, nicht wahr, Lisann?

Lisann

Ich weiß nicht mehr, ob ich etwas glaube oder nicht. Ich bin nur unendlich müde und erschöpft.

Und Gregor ist nicht da.

(längeres Schweigen)

Franziska

Aber wir sind da, Lisann.

(nimmt Lisann´s Hand)

Wir sind deine Freunde, und wir sind für dich da. Immer.

Philipp

(schaut zum Fenster hinaus, dreht sich nicht um)

Sag´ nicht immer, Franzi. Das kann niemand versprechen. 

Nadine

Das stimmt. Kein Mensch weiß, welches Schicksal ihn erwartet. Gregor hat es sich nicht aussuchen können, er wäre gern bei dir geblieben. Das ist sicher.

(längere Stille, Franziska hält noch immer Lisann´s Hand)

Bernd

Gut.

(steht auf)

Ich denke, wir sollten jetzt gehen.

Nadine

Ja, das find´ ich auch. Du bist sicher todmüde, Lisann, nach diesen schrecklichen Tagen. Vielleicht willst du ja ein bisschen schlafen. Oder einfach nur allein sein.

Lisann

Ja. Danke euch allen.

Bernd

Gregor war unser Freund. Und du bist unsere Freundin. Du brauchst hier niemand zu danken.

(alle stehen auf, die Mädchen umarmen Lisann)

Nadine

Und wenn du reden willst, ruf ´ mich an. Ich komme sofort.

Franziska

(räumt das Geschirr aufs Tablett, trägt es zur Tür)

Ich bring´ das noch schnell nach unten. Bis morgen, Lisann!

(alle gehen, Lisann bleibt allein zurück)

Zweite Szene

Lisann sitzt eine Zeitlang auf dem Sofa, starrt vor sich hin. Dann steht sie auf und geht zum Fenster, starrt hinaus. Ihr Körper bebt, sie weint. Nach einer Weile strafft sie die Schultern, wischt sich die Tränen ab, streicht die Haare hinters Ohr und geht zum Schreibtisch, schaltet den Computer an und setzt sich. Auf dem Bildschirm erscheint die Engelseite, ätherische Musik erklingt.

 

 

Lisann

(schreibt)

Hier ist Tigra! Ich brauche euren Rat und eure Hilfe, bitte hört mir zu. Seelenfreunde, Engel und Geistwesen, ich brauche euch!

(sie überlegt kurz, schreibt weiter)

Das Schlimmste ist geschehen – ich bin so allein und verlassen wie noch nie in meinem Leben. Bitte meldet euch, bitte helft mir!

(sie lässt den Kopf sinken)

Bildschirm

Scaramanda

Ich höre dich, Tigra, sei unbesorgt, du bist nicht allein. Scaramanda ist für dich da, was ist geschehen, dass du so verzweifelt bist?

Bildschirm

Helios

Habe gerade eingeschaltet, sehe deinen Hilferuf. Bin heute früher nach Hause gegangen, hatte so ein komisches Gefühl im Bauch. Jetzt weiß ich warum! Erzähle! Du hast seit Tagen nicht mit uns gesprochen!

Lisann

(schreibt)

Ich konnte nicht reden, war wie gelähmt.

Bildschirm

Helios

Mit uns kannst du IMMER reden, wir sind füreinander da. Nichts kann so schlimm und entsetzlich sein, dass du es uns nicht anvertrauen kannst. Dies ist eine Ebene der reinen, geistigen Liebe, vertraue darauf. 

Bildschirm

Scaramanda

Die Engel behüten uns alle. 

Lisann

(schreibt)

Mein Geliebter ist tot. Es war ein Unfall, er ist von einem Auto überfahren worden. Es war seine Schuld, er hat nicht auf die Straße geachtet. Von meinem Fenster aus habe ich es gesehen und gehört. Das Kreischen der Bremsen und dieser dumpfe Schlag, es dröhnt ohne Pause in meinem Kopf!  

Bildschirm

Helios

Das ist ja schrecklich! Wie konnte das passieren? Warum warst du dabei? War keine Hilfe erreichbar?

Lisann

(schreibt)

Ich stand oben am Fenster, er lachte und winkte mir zum Abschied, er rief irgendetwas, ich habe es nicht verstanden, dann kam das Auto, es war an der Kreuzung, ich bin hinunter gelaufen, da lag er, den Kopf voll Blut, ich schrie um Hilfe, Sanitäter kamen, ein Notarzt kam, Leute standen herum, dann haben sie eine Decke über ihn gebreitet, irgendjemand hat mich festgehalten, meine Eltern haben mich nach Hause gebracht, sie haben unseren Arzt gerufen, sie haben mir etwas gegeben, Tabletten, einen bitteren Saft, ich weiß es nicht mehr, ich war wie aus Blei.

Bildschirm

Scaramanda

Ich fühle mit dir, Tigra, lass dich umarmen im Geiste, ich sende dir Trost und Kraft mit all meinen Sinnen.

Bildschirm

Helios

Ein magischer Kreis wird dir helfen, setze deine Steine, zünde deine Lichter an! Hol dir die Engelkarten, lege sie aus, hör´ was sie dir sagen.

Lisann

(schreibt)

Aber er ist tot! Was sollen mir die Steine helfen, oder die Karten, er ist tot, und ich bin allein!

Bildschirm

Assar

Tod? Es gibt keinen Tod, nur Leben! Ich höre euch zu und muss mich wundern! Als Eingeweihte wisst ihr doch von der mystischen Ebene, von der anderen Welt, was gibt es zu jammern? Dein Freund hat sich dazu entschlossen, diese Ebene hier zu verlassen und in höhere Gefilde aufzusteigen, Tigra, das ist ein Grund zur Freude, nicht zur Trauer! Helios, Scaramanda, Tigra, ich zweifle an euch!

Bildschirm

Scaramanda

Du bist streng wie immer, Assar! Doch das ist eine Ausnahmesituation, Tigra´ s Freund ist gestorben, er ist wirklich tot, das ist keine Fiktion!

Bildschirm

Assar

Was ist Wirklichkeit? Was ist Fiktion? Mit wem spreche ich, was sehe ich? Oder bilde ich mir alles nur ein? Gibt es den Tod, kannst du ihn sehen, berühren, hast du ihn schon erlebt?

Tigra! Tigra! Tigra! Tigraaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Bildschirm

Helios

Wirklich, Assar, jetzt ist keine Zeit für Scherze! Tigra braucht Hilfe, sie ist eine von uns!

Bildschirm

Assar

Natürlich ist sie eine von uns! Ich will nur helfen, und –

Tigra! Tigra! Tigraaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Scheiße, das war ich nicht! Das habe ich nicht geschrieben!

Lisann

(schreibt)

Warum quälst du mich, Assar?

Bildschirm

Assar

Was denkt ihr von mir? Ich mache keine Scherze, ich quäle keine Seelen, ich bin das nicht gewesen, das schwöre ich bei allen Engeln!

Bildschirm

Scaramanda

Es war aber deine Line, Assar! Wenn es ein Versuch ist, uns alle wachzurütteln, oder Tigra von ihrem Kummer abzulenken – ich finde es nicht gut. Bitte lass uns ohne Störung reden!

Tigra! Tigraaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Bildschirm

Helios

Was geht denn jetzt ab?

Bildschirm

Scaramanda

Ich weiß nicht was los ist. Ich bin auf keine Taste gekommen, hab´ nicht mal den Namen geschrieben! Was passiert hier?

Bildschirm

Assar

Keine Ahnung. Jetzt siehst du selbst, Scaramanda, die Buchstaben erscheinen einfach, obwohl du keine Taste berührst! Wirklich, ich hab´ keine Ahnung, wie so was passieren kann!

Bildschirm

Scaramanda

Ob das eine Botschaft der Engel ist?

Bildschirm

Assar

Weiß nicht, glaube ich eher nicht.

Rotermohnrotermohnrotermohnrotermohnrotermohnrotermohnroter

Was soll das denn jetzt? Das war ich nicht!!!

Lisann

Gregor? Gregor?

(packt ihr Notebook mit beiden Händen, beginnt zu zittern)

Bildschirm

Helios

Seltsam. Tigra, kannst du dir das erklären?

Bildschirm

Assar

Tigra, bitte melde dich! Haben diese Worte irgendeine Bedeutung für dich?

(längere Pause)

Tigra, bitte antworte mir! Was geht da vor?

Rotermohnrotermohnrotermohnrotermohnrotermohn

Bildschirm

Helios

Irgendjemand spielt hier ein merkwürdiges Spiel! Das kann doch niemand vom Engelhaus sein! Wer schleicht sich hier ein, ein Insider?! Und wo ist Tigra?

Lisann

(klappt den Deckel des Notebooks zu, sitzt erstarrt, flüstert)

Gregor. ..........................................................................................

 

Sie sind jung und übermütig und glauben
an die Liebe. Sie wollen Grenzen überschreiten
und Tabus brechen, denn zusammen sind sie
stark.
Die Clique um Lisann und Gregor wagt den
Schritt ins Unfassbare, um das Leben und sein
Ende ganz zu verstehen. Doch der Tod ist kein
Spiel, er stellt jeden einzelnen und ihre Freund-
schaft zueinander auf die Probe.
Was ist Fiktion und was ist Wirklichkeit?
Die Antwort darauf muß jeder für sich selbst
finden.
Auch der Zuschauer.
 

Uraufführung am 22.Mai 2009 im KULTURZENTRUM SCHWABNIEDERHOFEN
um 19 Uhr
Eine Produktion des Kulturzentrums mit Schwabniederhofener Jugendlichen

Regie: Ralph Sesar

Weitere Termine: 29.5. und 30.5.2009
Eintritt: Jugendliche 3.- , Erwachsene 6.
-

Erste Kritik im Münchner Merkur vom 26.05.2009

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