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Eine Kurzgeschichte von Angela Dopfer-Werner Zum Thema Magersucht
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Seit ich in der fremden Großstadt zusammen mit den anderen lebe, taucht das Tier mit der steilen Rückenflosse nur noch selten auf, nur hin und wieder kann ich das weit aufgerissene Maul mit den messerscharfen, spitzen Zähnen in den Strudeln dunklen Wassers wirklich erkennen, nur noch manchmal kommt es mir mit seiner glanzglatten Haut so nahe, daß die Eiseskälte dieses Wesens spürbar und die bodenlose Angst vor den starren Schwarzaugen groß und übermächtig wird, so daß ich wieder auf Kacheln kniend die Kloschüssel umklammere und mit den roten Tomatennudeln und dem weißen Quark des Abendmahls mein neues, mühevoll begonnenes Leben unter Schmerzen heraus würge, bis Blut und bittergelbe Magensäfte fließen. Die Mädchen sehen mit leeren Gesichtern an mir vorbei, wenn ich geschlagen von diesem Untier und vor Erschöpfung zitternd vom Baderaum zurückkomme, und ich setze mich zu ihnen und rede von dem Film, den wir gestern gesehen haben, oder von der Schule oder von irgend etwas anderem. Wir sprechen niemals miteinander über die schneeweiße Schüssel, die im Bad keimfrei und geduldig auf unsere Umarmung wartet, wir zählen niemals die Löffel voll erkaltetem Reis und Gemüse, deren Inhalt unauffällig in einer Jackentasche oder in einem Beutel verschwindet, wir beachten niemals eine Tischnachbarin, die mit zusammengepreßten Lippen stumm und verzweifelt vor einem Berg von erstarrtem Kartoffelpüree sitzt und einzelne grüne Erbsen unschlüssig von einem Tellerrand zum anderen schiebt. Wir kennen alle die gleiche Qual, es bedarf keiner Worte zwischen uns. Von dem Dämon in meinem Kopf habe ich noch keiner Menschenseele erzählt, es ist das einzige Geheimnis, das mir geblieben ist. Denn meinen abgemagerten Körper mit all seinen Gebrechen kennen die Ärzte besser als ich selbst, und die Erzieherinnen der Wohngruppe durchschauen mich von meiner kochfesten Unterwäsche bis zu den flauschigen, übergroßen Wollpullovern, die meine dünnen Glieder vor aufdringlich forschenden Blicken verbergen sollen. Das Untier unter meiner Schädeldecke aber verstecke ich vor allen Menschen in meiner Nähe, und ich gebe nicht einmal während der einsamen Tage in der Klinik sein Dasein preis, als eine Sonde mit Nährflüssigkeit mich am Leben erhält, nicht bei den endlosen Sitzungen mit der strengen Therapeutin, die mir den kalten Tod vor Augen stellt, nicht bei der fröhlichen Lernschwester, die mich unentwegt für mein Leben zu begeistern versucht. Manchmal denke ich, daß wohl auch die anderen Mädchen ein fremdes Wesen in ihren ewig frierenden Körpern bergen und das Entsetzen darüber ihnen den Mund verschließt, aber ich bin mir nicht wirklich sicher, und so bleibe ich auch ihnen gegenüber stumm und behalte den Dämon für mich. Seit vielen Monaten gehe ich pünktlich zur festgesetzten Zeit in den Raum am Ende des Flurs, ein helles Zimmer mit bequemen Korbsesseln und einer Fototapete an der Wand, die weißrindige Birken mit zartgrünem Laub und dazwischen die Strahlen einer freundlichen Frühlingssonne zeigt. Die Mädchen nennen den Raum „ Die Zelle “, obwohl er in seiner Wärme und Heiterkeit weder an ein Kloster noch an ein Gefängnis erinnert, und doch gibt es dort für uns kein Entkommen mehr. Wenn ich zweimal in der Woche für eine Stunde allein vor den aufmerksamen Augen der jungen Psychologin sitze, nehme ich mir fest vor, kein unachtsames Wort fallen zu lassen, keine verräterische Bewegung zu machen, meinen Dämon niemals zu verraten. Ich sitze auf dem Korbstuhl mit den blau und weiß gestreiften Bezügen und starre auf das sonnendurchflutete Birkenwäldchen, bis meine Augen tränen, halte mich mit beiden Händen an den geflochtenen Armlehnen fest, bis meine Finger einschlafen und ich sie heftig schütteln und kneten muß, ich beiße mit den Vorderzähnen solange auf meiner Unterlippe herum, bis kleine Hautfetzen sich lösen und ich den Eisengeschmack meines Blutes im Mund spüre. Und doch bringt sie mich nach einigen Sitzungen zum Sprechen, die Frau im Stuhl gegenüber, sie fragt nach Nebensächlichem, interessiert sich für Dinge, die mir ungefährlich und harmlos erscheinen. Und so unterhalten wir uns schon nach wenigen gemeinsamen Stunden über meine Lieblingsbücher, die sie zum Teil auch gelesen hat, wir reden über Tiere und Umweltschutz, übers Skilaufen und die Schule. Doch niemals drängt sie mich zum Erzählen, wenn ich nicht will, und sie redet nie über Essen. Das Untier scheint zu schlafen, wenn ich mit der freundlichen Frau plaudere, es dümpelt in ruhigem Wasser vor sich hin und beachtet mich nicht. So kann ich mit der Zeit meine verkrampften Finger von den Armlehnen lösen und meine Blicke von der Fototapete abwenden, kann mich entspannen und meinen Rücken an das gestreifte Polster lehnen, kann Luft holen und durchatmen. Als ich an einem Mittwochnachmittag von meiner Familie erzähle, wacht der Dämon wieder auf. Wir reden vom Nachhause kommen, mittags nach Schulende, von meinen Brüdern, die sich laut über einen Lehrer auslassen und im Flur ihre Schultaschen abstellen, von meiner jüngeren Schwester, die bereits Besteck und Tischsets deckt, von meinem Vater, der nur kurz zum Essen von der Kanzlei herüber eilt und gedankenverloren den Teller leert, den ihm meine Mutter hingestellt hat. Denn meine Mutter füllt unsere Teller einzeln in der Küche und stellt sie erst dann auf die leinenen Untersetzer, nachdem jeder ein Glas mit verwässertem Obstsaft ausgetrunken hat. Es gibt keine Schüsseln und Platten und Saucieren auf dem Tisch wie hier in der Wohngruppe, wo sich jedes Mädchen soviel oder sowenig auf ihren Teller nimmt, wie sie essen möchte. Zuhause bestimmt meine Mutter, was und wieviel von jedem gegessen wird, sie weiß, was gut für uns ist. Es gibt weder einen Nachschlag noch eine Verweigerung; was auf den Tellern liegt, die meine Mutter allein in der Küche vorbereitet hat, muß restlos aufgegessen werden und bis zum Abendbrot genügen. Das Untier zieht lauernd immer enger werdende Kreise um mich, während ich vom Mittagessen mit meiner Familie erzähle, es beobachtet mit starren Fischaugen meine schiefe Haltung auf dem geflochtenen Stuhl, hört mit verborgen an seinen Körperseiten liegenden Sinnesorganen jedes Wort, das ich spreche. Langsam und stetig steigt die Angst wieder in mir hoch und verklebt mir die Kehle, ich winde mich auf dem gestreiften Polster und umklammere fest die Lehnen. Die freundliche Psychologin weiß nichts von dem fischigen Tier, das mich so bedrängt, sie kann das Aufblitzen der scharfen Zähne im Dunkel des Wassers nicht erkennen, sie sieht nicht die steile Rückenflosse, die drohend immer näher kommt. Doch sie scheint zu bemerken, daß ich mich unwohl fühle und nicht weiter sprechen will. Wir schweigen. Ich denke an all die Kartoffeln und Rohkostsalate und Gemüseeintöpfe mit Fleischeinlage, die ich bei diesen mittäglichen Familienessen hinunterwürgen muß, an Suppen mit glänzenden Fettaugen und kleinen Klößen aus matschigem Brät, an Kalbsleberscheiben mit gummischlauchartigen Sehnenstücken darin und an den hellen Saft von blutigen, nur kurz angebratenen Steaks. Es ekelt mich vor fast allem, was bei uns auf den Tisch kommt, vor gelbem Käse und rotem Fleisch genauso wie vor den dünnen Nudeln in dunkler Pilzsoße, die zusammengeringelt wie blasse Schlangen im Morast vor mir im Teller liegen und mich zischend verhöhnen. Während ich Speichel im Mund sammle, um damit endlich den zähen Fleischklumpen herunter zu schlucken, der seit einer Stunde wie ein Geschwür an meinem Gaumen haftet, sind meine beiden Brüder längst auf dem Sportplatz, während ich verzweifelt und müde vor einem immer noch halbvollen Teller sitze und nicht gehen darf, bevor aufgegessen ist, räumt meine kleine Schwester vor sich hinsummend den Tisch ab und erntet dafür ein liebevolles Lächeln unserer Mutter. Weil ich immer noch schweige und meine Gedanken für mich behalte, zieht sich mein Dämon zurück und ich kann wieder freier atmen. Ich spreche den ganzen Tag nichts mehr, aus Angst vor dem Untier. Als ich das nächste Mal im Korbstuhl sitze, fragt mich die Psychologin nach meiner Mutter. Voll Begeisterung erzähle ich von ihr, denn meine Mutter ist eine schöne Frau, sportlich und gertenschlank, unaufdringlich elegant und perfekt gepflegt, mit einer immer gleichmäßigen Distanz zu allen Menschen und Dingen in ihrer Umgebung. Das richtige Maß zu halten in allen Bereichen des Lebens ist ihr das Wichtigste, und ich bewundere sie grenzenlos dafür und versage als Tochter einer so vollkommenen Frau völlig. Denn während meine Mutter dreimal am Tag nur das ißt, was daheim auf den Tisch kommt, stopfe ich mich bei Schulkameradinnen mit fettigem Schokoladenkuchen voll und lege mein mageres Taschengeld in Kartoffelchips und Dosenlimonade an. Während die Haut meiner Mutter glatt und rein ist und ihre Haare im Sonnenlicht wie ein volles Weizenfeld leuchten, ist mein blasses Gesicht mit eitrigen Pickeln übersät, umrahmt von langweiligen, glatten Zotteln. Meine Mutter teilt sich ihren Tag sorgfältig ein und erledigt alle Dinge zur rechten Zeit, sie weiß über andere Menschen genau Bescheid und läßt sich niemals auf plumpe Vertraulichkeiten ein. Ihr Desinteresse für Alltagsgeschwätz und ihre leise Verachtung für einfache Leute spüren sowohl die Nachbarin wie die Mütter meiner Schulkameradinnen, und sie halten aus Unsicherheit vor dieser Perfektion und Vollkommenheit immer genau den höflichen Abstand ein, den meine Mutter will. Ich rede zuviel. Der Dämon ist davon aufgewacht, und erschreckt knete ich heftig meine Hände und senke dann den Kopf, um wieder zu schweigen. Die Psychologin wartet eine ganze Weile, ohne zu sprechen. Dann steht sie auf, zieht ihren Stuhl direkt neben den meinen und umfängt mit ihren angenehm warmen Händen meine nassen, aufgeregten Finger. Es ist das erste Mal, das sie mich berührt und mir nahe kommt, und das Untier in meinem Kopf schießt blitzschnell durch das dunkle Wasser an meine Seite, so nah, daß ich vor seiner Eiseskälte zu zittern beginne. Die Psychologin ahnt die Kälte, die mich erfaßt hat, sie drückt meine Hände ganz fest und wartet darauf, daß ich weiter spreche. Und ich erzähle von einem Nachmittag mit meiner Mutter, von einem gemeinsamen Einkauf in einem kleinen Laden in unserer Stadt, und ich spreche laut, obwohl der Dämon sich wild wie nie zuvor gebärdet und das Wasser so stark mit seiner Schwanzflosse peitscht, daß die Wellen über mir zusammenschlagen und ich zu ertrinken drohe. Die warmen Hände der Frau neben mir sind wie ein rettender Ast in einem nachtdunklen Ozean, und ich klammere mich mit all meiner Kraft daran fest, um nicht für immer unterzugehen. Meine Mutter geht in das Geschäft, um mir eine neue Hose und einen Pullover zu kaufen, denn ich bin im letzten halben Jahr so gewachsen, daß mir nichts mehr paßt. Sie wartet mit ungeduldigem Gesichtsausdruck vor der Kabine, bis ich endlich in der ersten Hose, die mir die mollige Verkäuferin ausgehändigt hat, vor den Spiegel trete. Ein kurzer, abschätzender Blick, und meine Mutter schüttelt den Kopf. Du bist fett geworden, sagt sie deutlich, und die freundliche Verkäuferin protestiert lachend, weil sie glaubt, daß meine Mutter einen Scherz macht. So ein schlankes, hübsches Mädchen, sagt die fremde Frau, da kann man wirklich nicht vom Dicksein reden. Meine Mutter aber schaut die Verkäuferin an, als ob sie eine lästige Fliege verscheuchen wolle. Wir mögen keine dicken Menschen, sagt meine Mutter, und ich schäme mich und wäre am liebsten tot. An diesem Nachmittag höre ich mit dem Essen auf. Als ich die letzten Worte ausspreche, bleckt das Untier in meinem Kopf die messerscharfen Zähne, bis mein ganzer Schädel von Todesweiß erfüllt ist, es befiehlt mit seinen starren, schwarzen Augen, daß ich zu schweigen habe, jetzt und immer, daß ich seinem Willen unterworfen bin, jetzt und immer, daß ich unvollkommen und minderwertig und häßlich bin, jetzt und immer. Ich weiß, daß der Dämon in meinem Kopf ein Haifisch ist, glatt und vollkommen und perfekt. Genau wie meine Mutter.
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Kurzgeschichte in der Reihe “Anthologien zum Wrth-Literaturpreis des Swiridoff Verlags mit dem Titel
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